Leseprobe

 Golos Gedanken
(S. 84)

„Als das Kind Kind war,

ging es mit hängenden Armen,

wollte der Bach sei ein Fluß …“

Manchmal liebe ich Handke. Manchmal liebe ich ihn nicht.
Ich nehme mich hin, weil ich weiß, dass ich bin der ich bin. Ich schätze das an mir.
Andere werfen mir das vor. Es ist egal. (Was nicht heißen soll, dass alles, was ich bin, in einer grellen Öffentlichkeit wertend ausgestellt werden soll, oder muss oder darf!)
Als das „Kind Golo“ Kind war, ist es eigentlich nichts weiter als der verkleinerte Entwurf des erwachsenen Golos gewesen. Geprägt? Ich zucke mit den Schultern.
Ja, nun, natürlich von seinen Eltern, von seiner Umwelt geprägt. Ist die Prägung ein künstlich Aufgepfropftes oder ist die Prägung eine schicksalhafte Erweiterung eines, durch sein Sosein, Vorgeprägtes? Ich weiß es nicht. Es ist mir ganz und gar egal.
Ich habe meinen Spaß mit mir, meine gute Unterhaltung mit meinen Gedanken, die mir meist gar nicht so wichtig erscheinen, die ich denken und lassen kann. Gedanken sind frei, ich bin frei, seid ihr anderen doch auch einfach frei, dann geht es uns allen gut. Oder? 

Ich zucke erneut mit den Schultern, Mephisto wedelt dazu mit seinem Schweif, wir freuen uns aneinander und stellen uns gegenseitig keine Fragen. Mephisto weiß verlässlich, wann und dass sein Futternapf gefüllt wird, wir uns die Beine vertreten und den Sonnenuntergang bestaunen, bevor wir ein jeder tun und lassen, was wir tun und lassen wollen. Das ist gut.
Als das „Kind Golo“ Kind war, ist es ähnlich gewesen. Meine Eltern hatten sich vorgenommen, die Fehler ihrer eigenen Eltern-Generation an mir nicht zu wiederholen. Sie wählten den Weg einer rigoros zu nennenden antiautoritären Erziehung. Sie verzichteten auch zur Gänze darauf, sich zu Vorbildern stilisieren zu wollen. In meiner Kernfamilie, bestehend aus Vater, Mutter, Einzelkind, durfte jeder äußern, was er oder sie wollte, sich beruflich oder privat selbst verwirklichen und durfte sich immer gewiss sein, dass daraufhin kein Murren entstand. Meine Mutter wurde eine viel beachtete, schreibende Soziologin mit Lehrauftrag an der Universität zu Berlin. Mein Vater war Schriftsteller, recht erfolgreich mit drei Büchern, betätigte sich im PEN und genoss es sichtlich, auf seinen Lesungen von diversen hübschen Damen angehimmelt zu werden.
„Das ist die beste Voraussetzung für eine ewige Treue Deiner Mutter gegenüber“, sagte er mir am Küchentisch, an dem wir uns um Punkt 19 Uhr täglich vereinigt sahen, um abwechselnd füreinander die belegten Brote zu gestalten. Meine Mutter unterhielt eine lebenslange, platonische Freundschaft zu einem Professor ihrer Fakultät. Ich, das Kind, wurde von Anfang an allenfalls auf meine Bedürfnisse, Wünsche und Begabungen hin abgescannt. Egal, was es war, die Unterstützung meiner Eltern stand nicht in Frage. Als ich 3 Jahre alt war, fiel meinen Eltern auf, dass mein Gekritzel mit Buntstiften mein Lieblings-Spiel wurde. Schon bald ähnelte mein Kinderzimmer einem Atelier, von Finger- bis Ölfarben samt kleiner Staffelei gab es alles, was für einen Maler und seine spontanen Einfälle notwendig ist. Irgendwann, ich glaube so mit 9 Jahren, standen noch ein Klavier, eine Gitarre und ein Schlagzeug in meinem Zimmer. 

„Er ist hochbegabt“, sagte meine Mutter gerne am Telefon zu ihrer Mutter, die dann „wie schön“, in ihren Fernsprechapparat seufzte. Meine Eltern waren von morgens früh bis spät abends beschäftigt und ich war von morgens früh bis spät abends beschäftigt.
Alles war gut, ich war alleine und konnte von klein auf gut alleine sein. Freunde hatte ich nicht. In der Schule wurde ich sowohl von Lehrern als auch von Mitschülern in Ruhe gelassen. Die Lehrer wollten keinen Ärger mit meinen illustren Eltern bekommen, die Mitschüler dagegen akzeptierten, fast bewundernd, die Kluft zwischen sich und meiner Person.
„Er beschäftigt sich lieber mit anderen Dingen als mit unserem Quatsch“, tuschelten sie untereinander, eigenartigerweise nie gehässig, sondern fast ehrfurchtsvoll und irgendwann kam niemand mehr auf die Idee, mich zu fragen, ob ich mit ihnen Fußball spielen wollte. Mit 15 Jahren verliebte ich mich in die stille Jutta, die alles schweigend über sich ergehen ließ, bis ich erkannte, dass dahinter kein Tiefsinn, sondern vielmehr ein chronisches gelangweilt sein stand. Ich war enttäuscht, aber mein Herz nicht gebrochen, allein zu sein, war ich schließlich gewohnt. 

Als mein Vater starb, schloss sich mir meine Mutter auf einmal sehr nah an. Sie begleitete mich, herausgeputzt als große, alternde, noch immer attraktive Diva zu meinen Vernissagen und genoss es, als Mutter des Begabten im Mittelpunkt zu stehen. Mir fiel auf, dass sie sich einsam fühlte und wunderte mich, dass es in unserer Familie dieses Gefühl als nagendes Ungemach gibt. Als auch sie starb, fühlte ich mich befreit, aber dennoch traurig. Ich habe das bereits in einem vorhergehenden Kapitel dieses #Book! schildern dürfen. Ich sehe sehr klar, dass aus einem Kind, das solch ein Kind war, wie es dies Kind gewesen ist, kein tauglicher Beziehungspartner für Ewigkeiten hat werden können.
Soll ich mir das verübeln? Nein, warum?
Als das Kind Kind war, war es dennoch schon Golo, der Maler. 


Boncuk, der Kater,
lesend in #BOOK!

Die allwissende Erzählstimme (A.E.) und Big Brother of Twitter (B.B.o.T) chatten miteinander
(S. 87)

A.E.: Warum schreien hier auf Twitter alle so laut?

B.B.o.T.: Sie wollen gehört werden!

A.E.: Hört sie niemand, wenn sie nicht schreien?

B.B.o.T.: Im Schreien zeigt sich der unbedingte Wille, im Nicht-Schreien zu oft die Anarchie!

A.E.: Was schreien sie denn, wenn sie schreien?

B.B.o.T.: Sie schreien: Ich bin eine gute Seele. Ich bin wie ihr. Kauft mich, lest mich, liebt mich ...



#BOOK! gibt es z. B. hier ->
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Kommentare

  1. Ein eigenartiges Buch, wie nie zuvor gelesen, klug, aktuell und von unglaublicher sprachlicher und inhaltlicher Schönheit. (Karin)

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    1. Danke! Ich kenne 2x "Karin", kann mir aber keine derselbigen zu diesem Kommentar vorstellen ... Umso erfreuter ...

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    2. Vor Jahren im ZaZen-Dojo Kreuzberg. Ist lange her, umso schöner, Sie hier lesen zu können.

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  2. Großartig, unvergessenes Erlebnis an diesem speziellen Ort. Ich glaube, den gibt es nun gar nicht mehr. Hin und wieder klappt Zazen für mich selbst ganz gut, aber nie besonders lang (20 Minuten) und ich vermisse diese spezielle Energie der Gruppe. Gruß!

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  3. Großartig, dass Sie hier endlich ordentlich Werbung für #BOOK! einstellen. Das Theater, das Ihr Buch auf Social Media erfuhr, ist mir unbegreiflich. Es ist ein extrem politisches Buch, wenngleich so ganz entfernt von jeder Wertung oder Moral oder gar politischer Einordnung, dass mir vieles sehr peinlich erschien, das Sie aushalten mussten. Hoffe, Sie haben sich gut davon erholen können.

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  4. Nein, habe ich nicht. Und um ehrlich zu sein, feine Kommentare - anonymisiert oder "hinter Kulissen" - finde ich mittlerweile nicht mehr besonders prickelnd ...

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  5. Noch ein anonymer Kommentar. Bitte, ist mir einfach ein Bedürfnis: So unglaublich schön und fantastisch zu lesen dieses #BOOK!. Ich wünsche Ihnen von Herzen mutigere, dafür ähnlich tief berührte Leser.

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