Plädoyer für ein neues Bildungsbügertum ...

Oder: Wie fest sitzt die "Bürgerliche Haut" 

Hat man genügend revoltiert, dann darf man irgendwann auch auf das (zurück) blicken, das z.B. einst von einem Vater, dem man überaus ambivalent gegenüber stand und steht, unter anderem überlassen wurde.
Heute zum ersten Mal gelesen, zunächst mit Skepsis, dann mit Interesse, später durchaus auch mit Bewunderung, der Hinweis auf das Buch meines Vaters, Erhard van den Bergh, das mir, 1982 geschrieben und ein Jahr später im Econ-Verlag erschienen, wahrlich nicht obsolet (wenngleich durchaus Widersprüche herausfordernd) zu sein scheint.

Cover Econ Verlag,
Dr. Erhard van den Bergh, Chance des Bürgers

Margaret Mead hat als Grundursache des weltweiten Aufstandes der Jugend genannt: "das Bewußtsein, daß die Vergangenheit ein Fehlschlag von weltweitem Ausmaß gewesen sei." Das mußte notwendig zu einer Absage an die Welt der Väter führen. Im  übrigen sprachen schon die Rebellen der APO von sich als einer "vaterlosen Generation". Offenbar hatten sie das Empfinden, daß die Generationen sich nicht mehr verständen. Es rächte sich wohl auch, daß ihre Väter zuviel verschwiegen, zuviel Vergangenheit ausgeklammert hatten ... (Zitat)

 


Irgendwann, lange nach ihrem Tod (im Fall meines Vaters 2001, geboren 1905, er war fast 60 Jahre alt bei meiner Geburt, also uralt!), werden Väter erneut zu Fremden, die es anders zu entdecken gilt.
Wenn man denn will ...
 
In seinen letzten 5 Jahren, also in einem Alter von 90 bis 95 (und lange nach dem Tod meiner 20 Jahre jüngeren Mutter), sprach er sehr offen über sein Leben, seine Grenzen ("Ich kenne mich selbst nicht gut" oder "Damals ist ein Mann bei der Geburt nicht dabei gewesen, ich hätte das gerne erlebt, mit deiner Mutter"), seine Lebens-Versäumnisse und seine Angst vor dem Tod ("Mir wird nun doch bang". Bei dem gemeinsamen Lauschen von Mahlers 5ten.) Die Pflegerinnen der Pension, in dem er seine letzten Tage verbachte, berichteten mir, dass er immer wieder voll Entsetzen mit dem Zeigefinger in die Ferne zeigte und schrie: "Da, da haben sie schon wieder einen Juden weggebracht!" 

Ich gebe zu, dass ich damals gerne auch davon gehört hätte, dass er seiner 4 Kinder gedenkt, die an ihm teils zugrunde gingen. Hier empfand er keine Schuld. Kinder hatten den Eltern zu genügen, nicht umgekehrt.
Die Ausgrenzung und Vernichtung der Juden war dagegen etwas, von dem er lange dachte, das sei ein "Spleen" Hitlers, etwas, das nie in die Tat umgesetzt werden könnte.

Die Realität ist dann eine andere gewesen. Immerhin, jüdische Freunde besuchten uns Jahrzehnte später, dankten ihm für seine frühzeitige Warnung (als damaliger SA-Mann), um rechtzeitig in die USA zu flüchten.
Derweilen schrieb er an einem Buch, das sich reflektierend mit der eigenen Nazi-Vergangenheit auseinander zu setzen suchte: "Warum wir dabei waren".
 
An diesem Manuskript über seine erste Begeisterung (und spätere Enttäuschung) bezüglich der NSDAP, arbeitete er Jahre hindurch an seinem Schreibtisch, längst pensioniert, aber dennoch als Vater weitgehend abwesend.  Es ist durchaus zu vermuten, dass er mit diesem langen Text eine Form der Absolution (auch durch die Flucht nach vorne) zu erreichen suchte, ich höre noch immer seine leicht heisere Stimme, die meiner Mutter die Sätze diktiert, damit diese (einst begeistertes BDM-Mädel) im selben Takt in die Tasten der Schreibmaschine hämmern konnte. Ich erinnere mich auch - einige Zeit danach - an die distinguierten Herren zweier Verlage, die bei uns Kaffee tranken und ihre Begeisterung, aber auch ihre Bedenken bezüglich dieses Textes äußerten. (Das Manuskript blieb schließlich unveröffentlicht.)
Es verstaubt nun in einer Kiste, die ich aufbewahre.

So ist er, der Lauf des Lebens. Eine Fortsetzung dieser Familien-Geschichte erschien mir ohne drastischen Korrektur nicht lebbar. (Die Korrektur einer Familien-Geschichte entsteht gemeinhin leichter unter Schleiern). Sie entsteht nach dem Versuch-Irrtum-Prinzip. Vorbilder dafür gibt es nicht. 
Meine Familie war durchaus glamourös, auf eine derart herzzerreißende, irrationale und (im wahrsten Sinn des Wortes) grausame Art und Weise, dass man zwar traumatisiert unter den Federn der Eltern hervor kroch, aber bei alldem gar nicht recht wusste, warum man sich nicht wunderbar fühlt. 
 
Gott sei Dank, alles ist gut nun, so gut wie es schrecklich bleibt!
(Die Redakteurin)

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